Mit den letzten Blättern die noch träge von den Bäumen fallen und den immer kürzer werdenden Tagen ist das Sommerloch nun wirklich endgültig sowas von vorbei – und das natürlich auch in musikalischer Hinsicht. Es ist ja nicht so, dass 2008 bis jetzt wenig zu bieten gehabt hätte, ganz im Gegenteil, aber in den letzten Wochen kamen nochmal ein paar richtig tolle Alben und Songs heraus. Sich da mit nur, wie bei den Popnews sonst üblich, vier Vorstellungen zufrieden zu geben, genügt diesmal eindeutig nicht. Deshalb gibt’s heute mal die volle Packung, sollte also für fast jeden was dabei sein.
Blue Sky Black Death & Jean Grae – The Evil Jeanius (Baby Grande)
HipHop Album des Jahres? Ich denke ja. Jean Grae bewies schon auf etlichen Veröffentlichungen, dass sie den Flow gepachtet hat, aber was hier teilweise aus dem Hut gezaubert wird, da klappt einem die Kinnlade herunter.
Blue Sky Black Death basteln außerdem die schönsten Beats seit langem, erinnert mich sehr an
The Foreign Exchange. Sehr klassisch und vielseitig, zwischen straight nach vorne und absolut laid back. Falls man mit HipHop was anfangen kann, sollte man das hier gehört haben. Um es mal in ein Wort zu fassen: Dope.
Anspieltipps: Ahead of the game /
Strikes /
Away with me /
Take it back.
Bvdub – Return To Tonglu (Quitus)
Für Fans von meditativen Dubsounds und Magenwandmassagen in Form von Subbässen ist Brock Van Wey alias Bvdub schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr. Auf “Return to Tonglu” erwarten den Hörer vier ausgedehnte (unter 10 Minuten geht hier gar nichts) Tracks voller mysthischer Ruhe und epischer Weite. Wer mit den Releases auf Styrax oder MoM etwas anfangen konnte, der wird auch hiervon garantiert alles andere als enttäuscht sein. Unbedingt auch mal die
Mixe auf seiner Homepage checken.
Anspieltipps: Leider keine kompletten Songs als Hörprobe parat.
Hauschka – Ferndorf (130701)
Wem die Musik von Volker Bertelmann bisher kein Begriff war, der sollte spätestens jetzt mal genauer hinhören. Auf “Ferndorf” dominieren die klassischen Töne und machen doch immer wieder Platz für kleinere elektronische Klänge. Klassisch ist teilweise nicht nur die Instrumentierung, sondern aus die Kompositionen selber. Doch ähnlich wie bei GY!BE wird alles ins jetzt übersetzt und die Songs bauen teilweise eine ungemein dichte Atmosphäre und Spannung auf. Bestes Beispiel hierfür ist meiner Meinung nach das fantastische Stück “Freibad”, welches sich immer weiter in alle Höhen schraubt und einen die Schönheit dieser Musik deutlich macht. Womöglich deutlicher als viele der anderen Kompositionen, doch gibt man auch diesen etwas Zeit, kann man ein wunderbares Album für sich entdecken. Es lohnt sich.
Anspieltipps: Freibad /
Alma.
This is Ivy League – This is Ivy League (Piccadilly)
Pop! Die Checker dürfen auch gerne Indie vorne dranhängen, aber die Quintessenz von diesem Album bleibt ein bunter Referenzmix der sich einmal quer im Gemüsegarten der letzten 30 Jahre Popgeschichte bedient. Und wenn “Visions of Tokyo” nicht eine eindeutige Reminiszenz (huch, schon das zweite durchaus komplizierte Wort in dieser Albumvorstellung) an die Beach Boys ist, dann weiß ich auch nicht weiter. Eigentlich müsste man sich dieses Album für den nächsten Sommer aufheben, aber ich wollte ja damit aufhören, Musik nach Jahreszeiten einzuteilen, schlimme Angewohnheit. Egal, anhören!
Anspieltips: London Bridges /
Komplettes Album als Stream.
The Lucksmiths – First Frost (Matinee Recordings)
Wo wir einmal bei Schlagwörtern wie Indie und Pop sind: The Lucksmiths haben auch ein neues Album!!! Da darf man mit Ausrufezeichen nicht zu sparsam umgehen, denn selbst ungehört würde ich meine Hand dafür ins Feuer halten, dass es wieder super geworden ist. Dieser Eindruck bestätigt sich bei den ersten Hördurchläufen natürlich und die vier Australier untermauern ihren Ruf als mindestens fünftbeste Band aus down under. Großen Erfolg werden sie leider auch mit diesem Album nicht haben. Beständig von der Presse hierzulande ignoriert, es gibt noch nichtmal ein Deutschland-Release. Und so wird das wahrscheinlich auch wieder einmal nichts mit einer Tour hierzulande, sehr schade. Das neue Album (und die alten) sollte man sich trotzdem anhören, liebgewinnen und kaufen. Ach, was heißt sollte, man muss.
Anspieltips: Good light /
MySpace.
The Sea and Cake – Car Alarm (Thrill Jockey)
Ich kann mich auch komplett irren, aber bei The Sea and Cake habe ich das Gefühl, dass sie sich seit Jahren einfach nicht weiterentwickeln. Aber wozu auch, hier wird Musik eben noch als Dienstleistung verstanden, man bekommt was man erwartet und das ist bei dieser Band für gewöhnlich so einiges. Und auch auf “Car alarm” lassen sie uns nicht im Stich. Süßer Pop der auch kurz mal einen auf ruppig machen kann, dann aber doch wieder schwelgerisch mit leichten Bleeps und weiteren spielerischen Sounds flirtet. Wer will ihnen bei diesen Songs schon Stagnation auf hohem Niveau vorwerfen?
Anspieltips: Weekend /
On a letter /
New schools /
Car Alarm.
Zum Abschluß noch drei kurze Tipps und der jeweils passende Link zu MySpace:
This Town needs Guns: Foals gone Emo. Stand mal irgendwo und ich stimme aus Mangel an alternativen und vor allem treffenderen Beschreibungen brav zu.
Deerhunter: Die Pitchforkmedia-Lieblinge haben ein neues Album draußen und bewegen sich damit wie immer zwischen Sperrigkeit und großem Pop. Brilliant.
Taron Trekka: Die Achse Berlin-Jena funktioniert. Mit “LoFi Autumn” haben sie den passenden Soundtrack zum düsteren Wetter da draußen im Gepäck.